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IM LAND DER KYKLOPEN

 

Schweren Herzens überließen wir uns wieder dem Meer und gelangten nach wenigen Tagen in ein Land, wo Kyklopen lebten, fürchterliche Riesen mit nur einem Auge mitten auf der Stirn. Es waren wilde, mürrische Wesen, die ohne Kenntnis der Landwirtschaft als Schafhirten ihr Dasein fristeten und weder Gesetze noch Ratsversammlungen kannten. Sie hausten voneinander getrennt in Höhlen, die sie in die felsigen Hügel geschlagen hatten.

 

Gegenüber von der Anlegestelle des Kyklopenlandes lag ein kleines fruchtbares Eiland, das nur von unzähligen Scharen wilder Ziegen bewohnt wurde, die ihre Nahrung auf frischen Wiesen fanden. Es besaß einen windgeschützten natürlichen Hafen, in dem man weder Anker noch Seile brauchte, um die Schiffe festzumachen. Obwohl sich die Insel so nahe beim Land der Kyklopen befand, hatten diese sie noch nie betreten und waren auch sonst noch nie in andere Länder gereist, weil sie keine Schiffe besaßen und das Meer nicht liebten.

 

Wir liefen in die kleine Bucht ein. An ihrem anderen Ende entdeckten wir eine Felsgrotte mit einer sprudelnden Quelle, die von Pappeln umschattet war. In der Abenddämmerung verließen wir die Schiffe, um die Nacht an diesem schönen, geschützten Platz zu verbringen.

 

Am nächsten Morgen gingen wir auf Jagd, und mit Hilfe der Götter gelang es uns, viele Wildziegen zu erlegen. Ich hatte damals noch zwölf Schiffe, und auf jedes von ihnen kamen neun Tiere.

 

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Bei dieser Aufteilung blieb noch eine Ziege übrig, die die Gefährten meinem Schiff zusprachen. Dann schwelgten und prassten wir den ganzen Tag. Gebratenes gab es in Hülle und Fülle, und auch an Wein fehlte es nicht, da wir vom Überfall auf Ismaros noch genug an Bord hatten. Gegenüber sahen wir das Land der Kyklopen, deren Stimmen wir unter dem Blöken und Meckern der Schafe und Ziegen heraushören konnten. Am nächsten Morgen rief ich die Gefährten zusammen.

 

‘Ihr übrigen bleibt hier’, sagte ich zu ihnen, ‘ich will mit meinem Schiff zur Küste hinüberfahren, um herauszufinden, was für Wesen in diesem Land leben, ob es sittenlose Barbaren sind oder Menschen, die die Götter und das Gastrecht in Ehren halten.’

 

Meine Männer setzten sich ans Ruder, und wir fuhren los. Schon aus der Ferne sahen wir am Strand den Eingang einer hochgewölbten Felsenhöhle, in deren Umkreis Schafe und Ziegen ruhten.

 

Ich wählte die zwölf mutigsten und stärksten Gefährten aus und ließ die übrigen auf dem Schiff warten. Wir luden uns einen ledernen Schlauch mit süßem Wein auf die Schultern, der so stark war, dass man ihn mit zwanzig Teilen Wasser verdünnen musste, um ihn zu trinken. Beim Einschenken entfaltete er ein köstliches Aroma, dem niemand widerstehen konnte. Ich hatte diesen Wein aber nicht für uns mitgenommen, sondern, weil ich schon ahnte, dass wir es hier mit einem Wesen von großer Stärke und Grausamkeit zu tun haben würden, von dem man nichts Gutes erwarten dürfte.

 

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Zögernd betraten wir die Höhle. Der Kyklop hütete die Herden auf der Weide, sodass wir uns in Ruhe umsehen konnten. Der Raum war hoch und weitläufig, es gab sogar einen extra abgetrennten Pferch für die Schafe und Ziegen. In einer Ecke lagen Käselaibe aufeinander gestapelt, in einer anderen standen Gefäße mit Molke. Auch zahlreiche leere Eimer und Wannen bemerkten wir, die wahrscheinlich zum Melken benutzt wurden. Meine Gefährten bekamen es mit der Angst zu tun und beschworen mich, wir sollten uns Käse und Vieh nehmen und das Weite suchen. Ich hörte nicht auf sie, denn ich war neugierig auf den Kyklopen. Außerdem wollte ich von ihm bewirtet werden und ihn nicht bestehlen. So aßen wir nur ein wenig Käse und warteten auf den Bewohner der Höhle. Hätte ich dem Drängen der Männer nur nachgegeben, wie sehr sollte ich meine Entscheidung noch bereuen!

 

Er kam mit einer gewaltigen Ladung trockenen Holzes. Als er das Bündel in die Höhle warf, gab es ein solches Getöse, dass wir uns vor Schreck in eine dunkle Ecke verkrochen. Der Kyklop trieb die Schafe und Ziegen zum Melken herein und ließ die männlichen Tiere draußen zurück. Am Eingang befand sich ein gewaltiger Felsbrocken, den zwanzig Wagen nicht hätten von der Stelle bewegen können, den packte der Riese jetzt und verschloss mit ihm die Öffnung der Höhle. Dann begann er mit dem Melken und legte den Muttertieren die Lämmer ans Euter. Aus der Hälfte der Milch bereitete er Käse, die andere Hälfte ließ er zum Trinken stehen. Nachdem er all diese Arbeiten verrichtet hatte, zündete er ein Feuer an, wodurch auch der Teil der Höhle beleuchtet wurde, in dem wir uns befanden, und er uns entdeckte.

 

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‘Wer seid ihr denn?’, fuhr er auf, ‘und wie seid ihr hierher gekommen? Treibt ihr irgendein Gewerbe oder streift ihr ziellos über die Meere, wie die Räuber, die ihr Leben aufs Spiel setzen, um sich an fremdem Eigentum zu bereichern?’

 

Uns schauderte vor dem rüden Gebrüll, doch schließlich ermannte ich mich und stand auf.

‘Wir sind Achaier’, antwortete ich ihm, ‘Krieger des ruhmreichen Agamemnon. Von der trojanischen Küste sind wir aufgebrochen, um in unsere Heimat zurückzukehren, doch die Götter wollten es anders. Sie schickten uns mancherlei Stürme, die uns vom richtigen Kurs abbrachten. Jetzt fallen wir vor dir auf die Knie und bitten dich um deine Hilfe. Nimm uns gütig auf und bewirte uns, wie es in aller Welt Brauch ist und wie es Zeus, dem Schützer des Gastrechtes, gefällt.’

 

Meine Worte rührten den Riesen nicht im Geringsten.

 

‘Entweder bist du ein Narr’, versetzte er, ‘oder du musst von sehr weit her kommen, wenn du noch nichts davon gehört hast, dass sich die Kyklopen weder um Zeus noch um irgendeinen anderen Gott kümmern. Wir sind schrecklich stark, und ich, Polyphemos, bin der stärkste von allen, denn ich bin Poseidons Sohn. Selbst die Götter fürchten sich vor mir. Wenn ich will, kann ich aber auch Mitleid empfinden, darum sag mir zuerst, wo dein Schiff vor Anker liegt, nur damit ich es weiß.’

 

So sprach er voller Tücke, doch ich ließ mich nicht überlisten.

‘Ach, mein Schiff hat Poseidon an den Klippen zerschmettert’, antwortete ich ihm. ‘Wie du siehst, konnte ich mich nur mit einer Handvoll Männer retten.’

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Der Kyklop sagte nichts mehr, er sah nur meine Gefährten an. Und dann tat er etwas Schreckliches. Mit seinen riesigen Händen packte er zwei von ihnen und schleuderte sie auf den Boden, so wie man Tintenfische mürbe schlägt. Die beiden waren auf der Stelle tot. Der Riese zerstückelte sie und schlang sie hinunter, ohne auch nur einen Knochen übrig zu lassen. Dann nahm er einen ganzen Eimer Milch und kippte ihn hinterher. Während wir nun jammerten und die Hände zu Zeus erhoben, rekelte sich das Ungetüm und legte sich zwischen die Schafe zum Schlafen nieder, wo es auch gleich fürchterlich zu schnarchen begann. In jenem Augenblick kam mir der Gedanke, ihm mein Schwert an der Stelle in den Körper zu stoßen, wo ich die Leber vermutete. Zum Glück fiel mir noch rechtzeitig ein, dass wir des Todes wären, wenn es mir gelänge, ihm den Garaus zu machen, denn wir wären nicht in der Lage gewesen, den Felsen, der den Eingang zur Höhle verschloss, auch nur ein kleines Stück zu bewegen. So warteten wir den nächsten Morgen ab. Als es dämmerte, stand der Kyklop auf, entfachte ein Feuer und verrichtete die gleichen Handgriffe wie am Vorabend. Nachdem er alle Arbeiten rasch erledigt hatte, griff er sich wiederum zwei meiner Gefährten, schmetterte sie auf den Boden und aß sie auf. Satt und zufrieden verließ er die Höhle, um die Herde auf die Weide zu treiben. Den Felsen am Eingang schob er mit Leichtigkeit beiseite, setzte ihn dann aber wieder vor die Öffnung, sodass wir eingesperrt waren. Den ganzen Tag verbrachte ich damit, tausend Pläne in meinem Hirn zu wälzen, wie ich an dem Riesen Rache üben könnte, falls Athene mir beistehen würde.

 

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Nun hatten wir in der Höhle den frisch geschlagenen Stamm einer Tanne entdeckt. Vermutlich wollte der Kyklop ihn als Hirtenstab benutzen, sobald er getrocknet war. Wie er so an der Wand lehnte, erschien er uns wie der Mast eines zwanzigrudrigen Schiffes. Ich schlug ein Stück davon ab, so groß wie die Spannweite meiner Arme, und gab es meinen Gefährten zur Bearbeitung. Als sie es geglättet hatten, schärfte ich seine Spitze und härtete sie in der lodernden Flamme des Feuers. Dann versteckte ich den Pflock sorgfältig unter dem Mist, der den Boden der ganzen Höhle bedeckte. Wir ließen das Los entscheiden, welche meiner Gefährten ihn mit mir zusammen dem Riesen ins Auge stechen sollten. Es traf gerade jene, die ich auch selbst ausgewählt hätte, nämlich vier starke Männer.

 

Als der Kyklop am Abend zurückkehrte, kümmerte er sich wie gewöhnlich um die Schafe, dann packte er abermals zwei meiner Gefährten und aß sie wie die anderen. Bevor er noch dazu kam, sich hinzulegen, füllte ich eine hölzerne Schüssel mit unserem Wein und reichte sie dem Riesen mit beiden Händen.

 

‘Hier, Kyklop’, sagte ich zu ihm, ‘Nimm dies und trink. Nach dem vielen Menschenfleisch wird dir der Wein gut tun. Du sollst sehen, was für einen Trunk ich an Bord hatte, vielleicht hast du dann Mitleid mit mir und lässt mich in die Heimat zurückkehren. Ich glaube aber fast, dass du kein Herz im Leib hast. Wer von den Menschen wird dich in Zukunft je wieder besuchen wollen, wenn du so wütest.’

 

Der Riese erwiderte nichts auf meine Worte. Er nahm die Schüssel und trank sie in einem Zug aus.

 

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‘Gib mir noch mehr davon, mein Lieber’, bat er mich nur, ‘und sag mir auch, wie du heißt. Zum Dank dafür will ich dir ein Geschenk machen. Wir keltern hier auch Wein, doch deiner ist besser noch als der Nektar der Götter.’

 

Ich schenkte ihm nach. Auch als er mich bat, die Schüssel ein drittes Mal zu füllen, tat ich es bereitwillig. Mir war nicht entgangen, dass ihm der Wein bereits zu Kopf gestiegen war.

 

‘Du hast nach meinem Namen gefragt, Kyklop’, sagte ich schließlich. ‘Aber vergiss dann auch das Geschenk nicht, das du mir versprochen hast. Ich heiße Niemand. Niemand nennen mich alle, meine Mutter, mein Vater und meine Freunde.’

 

‘Polyphemos vergisst seine Versprechen nie’, entgegnete der Riese. ‘Ich will dir eine große Gunst erweisen, Niemand, und dich als Letzten verzehren.’

 

Mit diesen Worten streckte er sich auf dem Boden aus und begann sofort zu schnarchen. Er schnaufte wie ein wildes Tier und erbrach im Schlaf den Wein und Stücke von Menschenfleisch. Nun war es an der Zeit, unseren Plan in die Tat umzusetzen. Ich holte den Holzpflock aus dem Versteck und hielt seine Spitze ins Feuer. Gleichzeitig sprach ich meinen Gefährten Mut zu, damit sich niemand von ihnen feige verkröche. Als die Spitze des Pflocks rot glühte und er nahe daran war, Feuer zu fangen, packten wir ihn zu fünft, und dann muss irgendein gütiger Gott in unserer Seele genügend Todesverachtung erweckt haben, dass wir es fertig brachten, ihn mit aller Kraft in das einzige Auge des Kyklopen zu stoßen.

 

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Der Unhold brüllte so laut, dass es an den Felsen der Höhle widerhallte. Rasend vor Schmerz schrie er nach seinen Nachbarn. Wir verkrochen uns rasch im innersten Winkel seiner Behausung, während er sich den Pflock aus dem Auge zog und dabei fortfuhr, um Hilfe zu rufen. Auf den Lärm kamen viele Kyklopen herbeigelaufen.

 

‘Was ist passiert, Polyphemos?’, hörten wir von draußen ihre Stimmen. ‘Warum machst du mitten in der Nacht so ein Geschrei und lässt uns nicht schlafen? Hat man dir vielleicht die Herde gestohlen, oder will dir jemand ans Leben? Dann sag uns, wer es ist, damit wir ihm einen Denkzettel verpassen können.’

 

‘Niemand! Niemand!’, schrie Polyphemos. ‘Helft mir Brüder!’

 

‘Niemand... Wenn dir niemand etwas getan hat, so wurden dir die Schmerzen von den Göttern geschickt, und nur dein Vater Poseidon kann dir jetzt helfen, nicht wir.’

 

Das war alles, was die Kyklopen zu sagen hatten. Als ich hörte, wie sie fortgingen, hüpfte mir das Herz im Leib vor Freude, dass mein trefflicher Einfall sie so getäuscht hatte.

 

Ächzend vor Qual tappte der blinde Kyklop zum Eingang, wo er den Felsen beiseite schob und sich in die Öffnung setzte. Mit beiden Händen tastete er die ins Freie drängenden Tiere ab, damit niemand von uns entwischen konnte. Er hielt mich wahrscheinlich für so einfältig, dass er mir nicht zutraute, einen Fluchtweg zu finden. Tausend Möglichkeiten gingen mir durch den Kopf, die ich aber eine nach der anderen sorgfältig abwog, denn es galt unser Leben.

 

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Endlich kam ich zu dem Schluss, dass es das Beste wäre, wenn wir uns an den Bäuchen der Widder festklammerten und uns die Tiere aus der Höhle trugen. Die Widder des Kyklopen waren sehr groß von Wuchs, fett und mit buschiger Wolle bedeckt. Mit Weidenruten, auf denen der Riese schlief, band ich immer drei Tiere zusammen und knüpfte an den Bauch des mittleren jeweils einen Gefährten, damit sich sein Gewicht besser verteilte. Ich selbst klammerte mich an den Bauch des Leittieres der Herde, das größer als alle anderen war, und drehte meinen Kopf zur Seite. Die Widder, an denen meine Gefährten hingen, liefen der Herde nach und kamen an den Eingang. Der Kyklop strich über die Rücken der Tiere, um sicherzugehen, dass niemand auf ihnen ritt. Weil er aber nichts sehen konnte, merkte er nicht, dass die Männer an ihren Bäuchen hingen. Schließlich folgte auch mein schwer beladener Widder langsam der Herde. Polyphemos streichelte ihn, und als er das Tier erkannte, sprach er verwundert: ‘Warum kommst du als Letzter aus der Höhle, mein Guter, wo das doch gar nicht deine Art ist? Sonst trabst du immer hurtig voran, um in den Niederungen frisches Gras zu fressen, bist morgens der Erste am Fluss und abends der Erste im Stall. Bedauerst du etwa mein Unglück so sehr, dass du deshalb hinter der Herde zurückbleibst? Dieser Bösewicht hat mich mit seinem Wein betrunken gemacht und mir das Auge ausgestochen. Ach, wenn du nur sprechen könntest! Sicher würdest du mir sagen, wo er sich versteckt hält, um meinem Zorn zu entgehen. Ha, du solltest sehen, wie ich ihn auf den Boden schmettern würde, bis sein Hirn durch die Höhle spritzt. Wenn ich ihn nur zu fassen bekäme, dann wäre mir schon leichter ums Herz, und auch die Schmerzen könnte ich besser ertragen.’

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Nachdem er so zu ihm gesprochen hatte, ließ er den Widder laufen. Sobald sich das Leittier etwas von der Höhle entfernt hatte, löste ich mich von ihm und lief sofort zu meinen Gefährten, um sie loszubinden. Endlich waren wir gerettet. In großer Eile trennten wir noch eine beträchtliche Anzahl Schafe von der Herde und trieben sie vor uns her zu unserem Schiff. Die zurückgebliebenen Gefährten waren froh, als sie uns wiedersahen, obwohl wir alle um die verlorenen Männer trauerten. Ich drängte nun zum Aufbruch, und als sich unser Schiff etwas von der Küste entfernt hatte, rief ich, so laut ich konnte:

‘He, Polyphemos, dass es so kommt, hättest du dir wohl nicht träumen lassen, was? Wer nicht davor zurückschreckt, in seinem eigenen Haus Hilfe suchende Fremde zu verschlingen, der muss dafür bezahlen!’

 

Der Kyklop raste vor Wut, er riss den Gipfel eines Berges herunter, um ihn auf unser Schiff zu schleudern. Der Felsen fiel eine halbe Länge vor dem Bug ins Wasser, und die entstandenen Wellen warfen das Schiff wieder an die Küste zurück, wo es an den Klippen zerschellt wäre, wenn ich es nicht mit einer mächtigen Stange vom Land abgestoßen hätte. Ich mahnte die Gefährten, sich kräftig in die Riemen zu legen, wodurch wir schnell wieder das Weite gewannen und dem Tod entgingen. Als wir nun doppelt so weit wie vorher vom Ufer entfernt waren, begann ich wieder zu schreien, denn der Schmerz um die verlorenen Gefährten ließ mir keine Ruhe.

 

‘Warum reizt du den grausamen Riesen noch mehr, du Wagehals’, versuchten mich die anderen zu beschwichtigen. ‘Hast du nicht gesehen, was für einen Brocken er uns nachgeschleudert hat? Wir dachten schon, unser letztes Stündlein hätte geschlagen. Lass ihn zufrieden, sonst tut er es noch einmal.’

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Ich konnte mich aber nicht beherrschen, sondern musste einfach weitermachen:

 

‘He, Kyklop, wenn dich einer fragen sollte, wer dich geblendet hat, so sag ihm, es war Odysseus von Ithaka, der Sohn des Laertes!’

 

‘Wehe mir’, gab der Riese heulend zur Antwort, ‘jetzt hat sich also alles erfüllt. Von einem Seher, der früher im Land der Kyklopen lebte, wurde mir prophezeit, dass ich einst durch Odysseus mein Augenlicht verlieren würde. Doch ich meinte, der Sohn des Laertes sei ein Riese, so stark wie wir, und nun gelingt es so einem elenden Wicht, mich mit dem Wein zu überlisten. Komm doch zurück, Odysseus, ich will dich herzlich bewirten und meinen Vater bitten, dir zu helfen. Denn Poseidon ist der Einzige, der dich sicher in die Heimat geleiten kann. Er vermag auch mir zu helfen, wenn er nur will.’

 

‘Könnte ich dich nur in die Unterwelt befördern’, entgegnete ich dem Riesen, ‘sodass der Erderschütterer dich niemals findet, um dein Auge zu heilen.’

 

Da streckte der Kyklop seine Hände zum Himmel und rief:

 

‘Höre mich an, Erderschütterer Poseidon. Wenn du wahrhaftig mein Vater bist und ich dein Sohn, lass den Sohn des Laertes nicht in die Heimat zurückkehren. Ist es ihm aber vom Schicksal bestimmt, Ithaka wiederzusehen, dann quäle ihn viele Jahre und lass ihn am Ende allein, ohne seine Gefährten, auf einem fremden Schiff nach Hause kommen und auf der Schwelle seines Palastes einen Haufen neuer Sorgen vorfinden.’

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Nun hob er einen noch größeren Felsen auf und warf ihn uns mit ungeheurer Wucht nach. Der Brocken drehte sich im Flug um sich selbst und fiel eine halbe Länge hinter unserem Heck ins Meer. Die Wellen, die er verursachte, trieben uns dieses Mal in die offene See hinaus, so dass wir schnell das Eiland erreichten, wo wir die übrigen Schiffe zurückgelassen hatten und uns die Gefährten schon voller Sorge erwarteten.

 

Wir verbrachten die Nacht am Strand, und sobald der Morgen dämmerte, setzten wir die Segel, um traurigen Herzens weiterzufahren.

 

 

Odysseus escapes from Cyclope Polyphemus

 

 

 

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Textauszug aus dem Buch Odyssee von Menelaos Stefanides
Copyright © Dimitris M. Stefanides. Ein vollständiger oder teilweiser Nachdruck dieses Textauszuges ist ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Verlages nicht erlaubt.

 

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